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Transformation
Keine Angst vor dem Sprung ins kalte Wasser

Einfach ist es nicht, als Agenturmanager nach Jahren in einer Führungsposition freiberuflich zu arbeiten. Doch es hat auch Vorteile.

Text: W&V Redaktion

7. Januar 2019

Nicht immer ist der Wechsel in die Freiberuflichkeit geplant. Oft aber bewährt es sich.
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Am Tag eins nach dem Abschied begann Daniel Adolph mit dem Boxtraining. Als wollte er sich fit machen für all das, was in den kommenden Monaten auf ihn zukommen würde. Denn nach fünf Jahren hatte der Strategie- und Beratungschef von JvM/Spree den Hut genommen, die Sicherheit einer prosperierenden Agentur gegen die Unwägbarkeit der Freiberuflichkeit eingetauscht. Freiwillig. Im besten Einvernehmen mit seinem bisherigen Arbeitgeber, dem er in Summe mehr als zwölf Jahre lang die Treue gehalten hatte. "Ich hatte für mich den Anspruch, mal rauszukommen und den Horizont zu erweitern", erzählt der Manager. Das "Wie" und "Wo" war beinahe sekundär, ob auf Kunden- oder Agenturseite oder als Freiberufler. Die Entscheidung wurde Adolph fast abgenommen. Denn kaum unabhängig, folgten die ersten Anfragen und Aufträge. Bereut hat er den Weg bis heute nicht. Im Gegenteil. "Es war echt cool, die erste Rechnung auf meinen Namen zu schreiben", sagt er. 

Damit ist Daniel Adolph nicht alleine. Immer wieder sagen gestandene Agenturmanager "Adieu" und klinken sich aus. Weshalb? Um Neues für sich zu entdecken, nicht mehr im Hamsterrad einer eng getakteten Organisation zu stecken und um mehr Zeit, Freiräume für sich und andere zu haben, bestätigt Coach Volker Bienert.

Nicht immer ist dabei die Ausgangssituation so komfortabel wie bei Ulrich Klenke oder Zoja Paskaljevic. Die beiden Manager dürften es wohl nicht mehr nötig haben, aus finanziellen Gründen weiterzuarbeiten. Wie im Übrigen auch ein Thomas Strerath, seit einiger Zeit offiziell nicht mehr JvM-Vorstand. Dann ist es auch weniger dramatisch, wenn die Trennung von einer großen Agentur nicht aus eigenem Wunsch erfolgte.

Finanzielle Sicherheit

Völlig anders sieht die Situation aus, wenn von Anfang an oder nach einer Übergangszeit richtig Geld verdient werden muss. Adolph hat daher vorsichtshalber sein Auto verkauft und wie Steffen Schulik seine Fixkosten überprüft, soweit sinnvoll auch reduziert. Beide hatten kein Angst davor, wirtschaftlich Schiffbruch zu erleiden. Wenn auch Steffen Schulik einräumt, Respekt vor dem Kommenden gehabt zu haben.

2016, nach drei Jahren als Beratungsgeschäftsführer bei Fischer Appelt in Stuttgart, stand er vor der Frage, wie es beruflich weitergehen soll. Wie andere gut verdrahtete Führungskräfte führte er viele Gespräche, auch mit Industrieunternehmen. Doch einerseits ist es im Alter jenseits der 50 Jahre nicht einfach, eine neue, wohl dotierte Festanstellung zu finden. Andererseits hatte Schulik keine Lust mehr auf zwölf Stunden, fünf Tage die Woche, auf Agenturpolitik und die branchentypische Selbstinszenierungen. Eine Agentur selber gründen – wäre denkbar gewesen. Sich auf GF-Level in einer Agentur einzukaufen – das Risiko war ihm zu groß. "Ich habe schon viele scheitern sehen, die auf diese Weise reichlich Geld verbrannt haben", sagt er. Dann lieber allein verantwortlich sein für das, was man macht. Und dafür sorgen, dass die eigene Liquidität gesichert bleibt. 

Es hat geklappt. Schulik kann sich über mangelnde Aufträge nicht beschweren. Sei es als Berater für Agenturen (Strategie, Aufstellung), sei es als Mitorganisator der Feierlichkeiten für 150 Jahre Straßenbahn Stuttgart oder wenn es um die Konzeption und Umsetzung einer Kampagne für das Vergleichsportal Billiger.de geht. Letzteres gemeinsam mit seinem Kreativ-Partner Norbert Graf und der Münchner Filmproduktion Friends & Fellows. Bereut hat er den Wechsel in die Freiberuflichkeit nicht – auch wegen der neu gewonnenen Freiheiten. 

Darauf mag auch Andreas Trautmann nicht verzichten. Seit 2014 ist der Manager mehr oder weniger in der Versenkung verschwunden. Zuvor hatte er als CEO die Network-Agentur McCann-Erickson restrukturiert. Kein angenehmer Job, bei dem Personal abgebaut und Offices geschlossen werden mussten. Als absehbar war, dass die Mutter nicht bereit war, die erforderlichen Mittel für einen Neustart in Deutschland bereitzustellen (Worldwide CEO Nick Brien und Europachef Gustavo Martinez waren bereits gegangen), zog Trautmann die Reißleine. Auch, weil er privat andere Prioritäten setzte und mehr Zeit für seine Familie haben wollte. Wie schon 2006/07 folgte die freiberufliche Tätigkeit in Sachen Marketing und Kommunikation. Zudem investierte er in Startups wie Teveo Interactive (Addressable TV) und eine Firma aus dem Bereich Digital Out-of-Home. Einige seiner Jobs: Beirat bei Mackevision, inzwischen bei Accenture, Aufbau einer Inhouse-Agentur bei Thyssen-Krupp, Interimsmanager bei der DDB-Tochter Kapacht, die auch für die Telekom arbeitet. 

Vielseitigere Aufgaben

"Das Spektrum der Anforderungen und die Vielfältigkeit der Aufgaben ist schon deutlich größer als in einer etablierten GF-Position in einer Agentur", sagt Michael Frank. "Von klassischen Advisor-Aufgaben über Interims-Top-Level-Positionen bis hin zu Chairman-Aufgaben ist die Struktur der Anfragen extrem spannend." Der Ex-Geschäftsführer bei Pilot in Hamburg war schon mal freiberuflich unterwegs und weiß daher, wovon er spricht. 

Alles nur gut in der Welt der unabhängigen Berater? Es gibt durchaus Schattenseiten. So vermisst Adolph, dass er weitaus weniger Einfluss auf die Umsetzung von Konzepten hat als früher. Trautmann hingegen fehlt die Personalverantwortung, die er früher hatte. Nicht allen, so Coach Bienert, fällt es zudem leicht, wieder auf Annehmlichkeiten wie das eigene Team oder den Personal Assistent zu verzichten. Es sind Verhältnisse, die vielleicht nie wiederkehren. Auch bedeutet es beträchtlichen Mehraufwand, sich selbst zu organisieren. Für Ex-Kreativchef Detlef Rump, der 2012 Proximity verlassen hatte, war die Organisation der Arbeit sogar das "größte Betriebsproblem im ersten Jahr." 

Nicht zuletzt ist es eine Frage der Eitelkeit. Ohne die renommierte Agentur im Rücken gerät man schnell in Vergessenheit. Keine Petitesse in einer Branche, die nicht arm an Selbstdarstellern ist. Damit muss man sich anfreunden können. 

INTERVIEW ZUM THEMA

"90 Prozent suchen Jobs und Sicherheit"

Seit etlichen Jahren schon coacht Volker Bienert erfahrene Führungskräfte, die nochmals von vorn beginnen wollen

Herr Bienert, kommen oft Manager im "besten Alter", die vor dem Sprung in die Freiberuflichkeit stehen oder eine eigene Firma gründen wollen? 

Nein, das überrascht mich selbst. Von zehn Kunden ist nur einer bereit, sich selbstständig zu machen. Die Gründungsneigung und die Bereitschaft, selbst sein berufliches Glück in die Hand zu nehmen, ist gering. 90 Prozent suchen Jobs und Sicherheit.

Was sind die gängigsten Beweggründe? 

Die Leute wollen weg von ihrer bisherigen Stelle. Ganz viele sagen, sie wollen nicht weiter in den bisherigen Strukturen arbeiten, nicht mehr in einem Konzern, nicht mehr in den besehenden Hierarchien und statt dessen lieber ihr eigenes Ding machen. Eher selten ist es der Wunsch, die eigene finanzielle Situation zu verbessern. Es sind in erster Linie die Rahmenbedingungen, die den Ausschlag dafür geben, sich neu zu orientieren und etwa zu gründen. Oft nutzen Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit auch für eine Art Vorruhestand. Will heißen, sie wollen nicht mehr so viel Zeit in ihre Arbeit investieren und wählen stattdessen eine freiberufliche Tätigkeit oder als Interims Manager, wo Sie den Zeiteinsatz flexibler steuern können. Zudem ist es so, dass ein Wechsel in eine neue Firma gerade in den ersten zwölf Monaten mit viel Anpassung und Neulernen erarbeitet werden muss. 

Und welche Hoffnungen verbinden sich mit dem Neustart?

Bei der einen Gruppe ist es der Wunsch nach mehr Selbstbestimmtheit und mehr Zeit, so vielleicht nur mehr eine Dreitagewoche und damit verbunden auch weniger Stress. Bei der anderen Gruppe hingegen herrscht der Wunsch vor, das berufliche Schicksal selbst zu gestalten. Die große Angst bei vielen ist dabei: Läuft es wie gewünscht. Nach einer langen Unternehmenskarriere ist der Schritt in die Eigenständigkeit mit vielen teils radikalen Veränderungen verbunden. Kein Geschäftswagen, keine Assistentin, die alles plant und vorbereitet, kein Team, auf das man zugreifen kann und das man personell verantwortet und keine umfassende Absicherung. Damit verbunden die Frage: Werde ich jemals wieder ein vergleichbares Konditionenpaket erreichen?

Nicht jeder ist der geborene Einzelkämpfer. Was muss man mitbringen?

Man braucht eine gewisse unternehmerische Denke. Das findet sich oft bei Leuten, die früher im Vertriebsbereich gearbeitet haben. Auch wenn es darum geht, mit externen Leuten und Partnern zu verhandeln. Grundsätzlich haben die meisten Manager ein überdurchschnittliches Leistungsniveau und fallen da in kein Loch. Sie können sich selbst disziplinieren und lernen auch schnell, sich selbst zu organisieren. Wer natürlich 20, 25 Jahre in einem Konzern verbracht hat, braucht erst mal etwas Zeit, um Abstand zu gewinnen und sich selbst zu finden. Drei Monate sind da ein guter Zeitrahmen. Es kann aber auch bis zu einem Jahr dauern. 

Mit welchen Erwartungen kommen Kunden?

Die meisten meiner Kunden kommen mit sehr unspezifischen Erwartungen. Ganz viele brauchen schlicht einen Sparringspartner, mit dem sie ihre Pläne durchsprechen können. Aber auch die Themen Risikomanagement, Markteinschätzung, Rahmenbedingungen der Gründung spielen eine Rolle, die eigne Persönlichkeit und – natürlich – das Businessmodell. 

Was sind die häufigsten Fehler?

Ganz klar die eigene Ungeduld. Viele Manager sind von der Quartalsdenke geprägt und planen entsprechend. Sie müssen erst mal Geduld und Ausdauer lernen. Am leichtesten haben es diejenigen, die ein Geschäftsmodell verwirklichen wollen, das viele Parallelen zum vorherigen Job hat. Denn genau in diesem Bereich sind sie ja Experten und können auf ein entsprechendes Netzwerk zurückgreifen. Der komplette Wechsel fällt in aller Regel wesentlich schwerer. Da sind sie Newcomer, die erst mal Know-how aufbauen und den Markt mit seinen Spielregeln kennenlernen müssen. Nicht unproblematisch ist es auch, sich bei einer Firma einzukaufen, um Entwicklungen zu beschleunigen. Hier lauern viele Fallstricke. Das reicht von der Chemie, die passen muss bis zu den Zielen, die man gemeinsam erreichen will. Am ehesten gelingt es, wenn es sich um eine Nachfolge handelt und der Alteigentümer in absehbarer Zeit ausscheidet und dem Neuen noch eine Weile als Berater zur Verfügung steht.

 

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