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W&V-Kommentar
Kreativpreis mit Frauen-Jury - brauchen wir das?

Mit den Gerety Awards startet der erste Werbeaward, bei dem ausnahmslos Frauen in der Jury sitzen. Doch lohnt sich das? Eine Einschätzung von Daniela Strasser.

Text: W&V Redaktion

1. Februar 2019

In der Werbebranche sind Frauen gerade ein Hypethema.
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Die neu gegründeten Gerety Awards geizen nicht mit prominenten Namen. In der Grand Jury sitzt Susan Credle, die weltweite Kreativchefin des Netzwerks FCB. Daneben Rosie Arnold, die im vergangenen Jahr ihren Chefposten bei AMV BBDO in London aufgegeben hat, um die Werbebranche zu einem netteren Ort zu machen – unter anderem will sie sich für Diversity einsetzen und Frauen coachen. Außerdem Nunu Ntshingila, Chefin von Facebook Afrika, und weitere klingende Namen.

Auch den Pre-Jurys, die in den einzelnen Ländern die Vorauswahl treffen, gehören namhafte Werberinnen an, in Deutschland zum Beispiel Jo Marie Farwick, die Gründerin von Überground, und Cathrin Duppel, Marketingchefin von Rotkäppchen-Mumm. Auf der Basis der Juryurteile in den einzelnen Ländern wird die Shortlist erstellt, später entscheidet die Grand Jury über die Gewinner, die im Juli bekannt gegeben werden sollen. Die Shortlist wird öffentlichkeitswirksam im Vorfeld der Cannes Lions präsentiert.

Taten sind besser als Absichtserklärungen

Neue Kreativawards sind per se nichts Ungewöhnliches. In steter Regelmäßigkeit stellen Veranstalter der Branche neue Wettbewerbe vor. Mal fokussieren die sich auf einzelne Disziplinen, mal auf bestimmte Länder, oder sie haben einen anderen Schwerpunkt.

Dass eine Jury bei einem Kreativaward ausnahmslos aus Frauen besteht, ist aber tatsächlich neu. Die Idee lag auf der Straße.

Frauen und das Frauenbild sind in der Werbung und in der Werbebranche seit ein paar Jahren ein Riesenthema. Gut ist, dass die Kreativen nicht nur reden, sondern auch mal machen: So wurden in vielen Jurys Frauenquoten eingeführt, die früher fast ausschließlich mit Männern besetzt waren. Bei den großen Veranstaltungen spielen Frauen neuerdings eine Hauptrolle, beispielsweise beim größten Werbefestival der Welt in Cannes, wo es seit einiger Zeit ein zusätzliches Frauenprogramm gibt. Oder beim diesjährigen deutschen ADC-Festival, das Diversity zum Gegenstand auf dem Podium machen will. Die Idee, einen Kreativaward ins Leben zu rufen, bei dem ausschließlich Frauen jurieren, fällt ebenfalls in die Rubrik "Handeln statt schwafeln" und ist vor diesem Hintergrund zu begrüßen. 

Es geht beim Gerety Award auch nicht darum, weibliche Werbung zu bewerten – geurteilt werden soll über die gängigen Arbeiten der Awardsaison. Die Macher wollen mit ihren Einnahmen unter anderem Initiativen stützen, die sich der Förderung von Frauen widmen; ein paar einschlägige Projekte zählen sie auf ihrer Webseite auf.

"Nicht schwarz und keine Frau"

Ein deutscher Kreativchef sagt unlängst, er habe in den Jurys dieses Jahr nichts zu melden, weil er "weder schwarz noch eine Frau" sei. Das war nicht ganz ernst gemeint, trifft es aber auf den Punkt: Manchmal wird das Thema Frauen nämlich in der Werbebranche leider auch überstrapaziert, sei es zur Wahrung von angeblicher politischer Korrektheit oder, so banal es klingt, zu Eigenmarketing-Zwecken. Anders gesagt: An mancher Stelle wird übertrieben. Die Stimmung droht gerade zu kippen.

Die Macher der Gerety Awards wollen in erster Linie Geld verdienen. Für die Teilnahme werden Einreichgebühren fällig, es handelt sich um keine Non-Profit-Organisation, dessen sollte man sich als Einreicher bewusst sein. Die Gründer kennen sich im Awardgeschäft aus, waren viele Jahre lang für die Epica Awards tätig – haben also eine Vorstellung davon, wie das Geschäft läuft. Das Gute ist, dass beide keinen Hehl daraus machen, dass es sich um ein Projekt handelt, mit dem sie im besten Fall viel Geld verdienen wollen. Ihr Projekt ist begrüßenswert – wenn es denn gut gemacht wird. Es wird sicher spannend, zu sehen, ob Frauen über Kreation anders befinden als gemischt besetzte oder reine Männer-Jurys. Vielleicht lässt sich so auch die eine oder andere kreative Perlenarbeit finden, die ansonsten unentdeckt geblieben wäre. Im besten Fall sorgt das Projekt für Furore und Diskussion in der Branche. Vorbehaltlich, es steckt Substanz drin, und nicht nur Marketing-Geschwätz.

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