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Kreativitätsforschung
"Mehrstündiges Brainstorming ist Irrsinn"

Kreativitäts-Professor Stephan Sonnenburg erzählt, warum jeder kreative Output stille Inkubationsphasen benötigt. Und warum ohne Pause die Ideenfindung lahmt.

Text: W&V Redaktion

30. Januar 2019

Pausen gehören zum kreativen Prozess dazu.
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Stephan Sonnenburg ist Professor für Kreativitätsforschung an der privaten Karlshochschule in Karlsruhe. In der Interviewreihe mit W&V erzählt er, mit welchen Techniken und Strategien kreativer Output gefördert und gesteigert werden kann. Eine zündende Idee, sagt Sonnenburg, braucht eine Inkubationsphase und viel Pausen, damit man bei der Ideenfindung nicht verkrampft.

Wie wichtig ist nach Ihren Forschungen die Inkubationsphase bei einer kreativen Idee?

Die Inkubation, also im weitesten Sinne die schöpferische Pause, macht den Unterschied zwischen normalen und kreativen Prozessen aus. Häufig stecken wir doch im kreativen Prozess fest, kommen einfach nicht weiter. Unser Bewusstsein und durchaus auch unser Körper verkrampfen. In einem solchen Moment heißt es bewusst loslassen, einfach etwas anderes machen, denn unser Vor- und Unterbewusstsein kann einfach weiterdenken, mit allem spielen, was sich in uns angesammelt hat. Und plötzlich ist sie da: die Idee. Natürlich ist dies, wie bildlich in der Literatur beschrieben, keine Magie oder etwas Mythisches, denn wir haben einfach weiter über das Problem nachgedacht, eben unbewusst und nicht bewusst.

Gibt es dazu neurologische Studien?

Neurologische Studien zu Kreativität und kreativem Flow stehen erst am Anfang. Allerdings zeigen EEG-Studien, dass in Entspannungsphasen das Gehirn nicht unproduktiv ist, sondern weiterdenkt und gerade die Phase der Inkubation wesentlich für die Ideenfindung ist.

Sollte man diese Erkenntnis nicht auch eins zu eins auf die berufliche Kreativarbeit anwenden? Mehr Pausen?

Auf jeden Fall und durchaus darüber hinaus. Jede Form von beruflicher Arbeit bedarf der Pause. Wir alle kennen doch diese endlosen Meetings ohne Pausen, in denen wir geistig wo ganz anders sind. Meiner Meinung nach geht es um mehr Pausen und um längere Pausen. Allein diese kurzen Mittagspausen, in denen rasch die Pasta verschlungen und dann wieder an den Arbeitsplatz gegangen wird. Aber mal ehrlich, was passiert denn in den folgenden Minuten? Wir tun so, als ob wir arbeiteten, aber eigentlich checken wir unsere Social-Media-Profile oder bestellen online. Warum machen wir nicht längere Pausen, nutzen sie bewusst, hören auf unseren Kopf und Körper? Powernapping oder eine meditative Übung, je nach Geschmack, wirken belebend. Und nebenbei: Diese Arten von Pausen sind Formen von kreativer Inkubation.

Mehr Regeneration, um dem unterbewusst arbeitenden Kreativhirn mehr Raum zu geben?

Regeneration ist der Schlüssel für den kreativen Erfolg. Deshalb sollten sich Unternehmen viel mehr Gedanken über Pausen machen und ihre Mitarbeiter darin unterstützen, sinnhafte Pausen einzulegen. Pausen sind Kreativzeit! Pausen verschaffen uns kreative Freiheit und Raum zum Andersdenken.

Sind Brainstormings ohne Pause deshalb eigentlich nicht kontraproduktiv?

Wir hatten schon einmal darüber gesprochen, dass ein Brainstorming nicht zu früh beendet werden soll. Wir müssen uns auch zu den kreativen Ideen quälen, und zumeist sind die ersten Ideen nicht die besten Ideen. Aber ein mehrstündiges Brainstorming ist natürlich Irrsinn und kontraproduktiv. Ich empfehle, nach 45 Minuten zumindest eine kleine Pause einzulegen und nach 90 Minuten mindestens 30 Minuten zu pausieren.

In diesem Zusammenhang gleich noch mal nachgehakt: Haben Überstunden für Kreative eigentlich Sinn?

Im Flow können Überstunden sinnhaft sein, allerdings bitte mit Pausen und dann auch nicht als Dauerzustand über Tage hinweg.

Viele Agenturen bieten Kicker, Nerv-Pistolen, AR-Anwendungen, damit die Mitarbeiter ihren Kopf "frei kriegen" können. Was wirkt nach ihren Erkenntnissen am besten? Wie wichtig ist Bewegung für den kreativen Prozess? 

Den Kopf frei kriegen ist eine sehr individuelle Thematik, und es gibt nicht den Königsweg zu Entspannung und Inkubation. Ich empfehle deshalb, nicht nur auf ein Angebot zu setzen und unterschiedliche Persönlichkeitstypen zu berücksichtigen. Für Teamtypen empfiehlt sich durchaus das Kickern, für das individuelle Entspannen zum Beispiel die Meditation. Bewegung ist für den kreativen Prozess sehr wichtig, denn Kreativität ist ein Kopf-Körper-Phänomen. Bewegung aktiviert uns, Bewegung sorgt für neue Perspektiven, Bewegung ist auch eine Inkubation für kreative Ideen.

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