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Bornschein/Farwick/Keller
Zukunftsszenarien: Agenturchefs in der Zeitmaschine

Drei ­Agenturchefs beamen sich ins Jahr 2030: Wird es dann noch Agenturen geben? Und wie werden sie arbeiten? Eine sehr erhellende Zeitreise.

Text: W&V Redaktion

10. Januar 2019

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Den Himmel über Berlin ­bevölkern Taxidrohnen, durch die Straßen surren selbstfahrende Elektrokutschen. ­Videowände in den Häuserschluchten kündigen mit einem bösen Röcheln Star Wars Episode XV an. Am Inlandterminal des gerade eröffneten BER startet der Hyperloop nach München; Fahrtzeit: eine Dreiviertelstunde. Willkommen im Jahr 2030.

Agenturen von morgen sind externe Labore ihrer Kunden

Christoph Bornschein, der Torben in Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG), ist dann 47. "In einer Agentur werde ich dann nicht mehr arbeiten", sagt er. "Es gibt in elf Jahren keine Agenturen mehr." Zumindest keine heutigen ­Zuschnitts. Mediaagenturen treten als erste ab. Die Kampagnenplanung über­nehmen lernfähige Elektronikhirne. Wann sie wo welches Publikum vorfinden, wissen sie auf Anhieb. Buchung und Abrechnung der Werbeplätze geben sie in die Blockchain. Als Mittler zwischen Werbungtreibenden und Vermarktern sind Agenturen anno 2030 überflüssig.

„2030 gibt es keine Agenturen mehr. Die Zukunft gehört Managementberatungen“

Christoph Bornschein, Geschäftsführer TLGG, Berlin

Aber auch als Exzellenzen der Verkaufe? "Das Modell der klassischen Kommunikationsagentur stirbt", meint Bornschein. Schuld ist die unzureichende Wertschöpfung. "Agenturen, die einzig und allein Werbung ­machen, verabschieden sich bald aus dem Markt." Die Zukunft, so der Digitalstratege, gehört Managementberatungen.

TLGG wappne sich dafür. "Wir sind schon heute als Consultants tätig und verstehen uns als Adresse für digitales Business." Agenturen von morgen sind die externen Labors ihrer Kunden: Ideen­geber und Wegbereiter für neue Produkte, Services, Geschäftsmodelle. Jobs wie Werbung und Contentmarketing sind Sache der Markenhersteller. 

"Wir werden in Zukunft anders, weniger und flexibler arbeiten"

"Nie und nimmer", widerspricht Jo Marie Farwick. "Irgendeiner muss sich die guten Sachen ja ausdenken." Sachbearbeiter aus der Abteilung Markenverwaltung überfordert das, meint die Überground-Chefin. Geht es um originelle Werbung, seien Unternehmen auch im Jahr 2030 auf Fachwissen und Einfälle der Agenturen angewiesen. Da und dort überlässt das Marketing Kampagnen vielleicht seiner hauseigenen KI. Das könnte Un­geahntes hervorbringen. So wie das Harry-Potter-Kapitel, das der prozessorgesteuerte Schreiberling der Botnik-Studios zu Papier brachte: "Nicht so schön jetzt", dachte Harry, als er Hermine in scharfe Soße tunkte. Er sah sich um und fiel für den Rest des Sommers die Wendeltreppe herunter. Keine Frage, KIs haben die Kraft, die Welt der Slogans zu verändern.

„Agenturen denken sich auch 2030 die guten Sachen aus. Aber wir werden weniger und flexibler arbeiten“

Jo Marie Farwick, Geschäftsführerin Überground, Hamburg

Farwicks Kreativ-Start-up Überground wird 2030 den 15., sie selbst ihren 52. Geburtstag feiern. "Natürlich lasse ich dann nicht den Griffel fallen", sagt die Hamburgerin. Sie ist überzeugt: "Wir werden in Zukunft anders, weniger und flexibler arbeiten."

Schon im Jahr 2025 ackern ­Roboter und Algorithmen laut Weltwirtschaftsforum mehr als ihre menschlichen Schöpfer. Die 40-Stunden-Woche ist bald eine verblassende Erinnerung ans Industriezeitalter. Die Existenz sichert ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wer mag, geht einem Job nach. Aus Spaß am Arbeiten oder nach Lust und Laune. Vielleicht in einer Retrokneipe, wo noch kein Androide hinter dem Tresen steht. Oder als Webdesigner für einen Internetkonzern in Übersee.

International zusammengesetzte Teams werden Alltag sein

"2030 ist es egal, wer wo arbeitet", sagt Christoph Bornschein. "Die Zusammenarbeit regelt man über Technologien." Grenzüberschreitendes Business und international zusammengesetzte Teams werden Alltag sein. Torben und Lucie brachten die gelbe Gefahr bereits nach New York und exportieren sie demnächst nach Asien, ausgerechnet ("noch vor 2020").

Setzt sich das fort, gibt es in elf Jahren mindestens ein halbes Dutzend TLGG-Büros in aller Welt. Untereinander herrscht reger Austausch. "In New York haben wir feste Arbeitsplätze für Leute aus Berlin", so Bornschein. "Die verbringen drei, vier Monate dort und US-Kollegen um­gekehrt ein paar Monate an der Spree." Das hilft dem Wir-­Gefühl auf die Sprünge.

Schöne neue Welt. Abgasfrei und grenzenlos. Die Nasa packt 2030 die Taschen für ihren ersten bemannten Marsflug, Space X ist schon da. Mars One geht auf Sendung, die Big-Brother-Show vom roten Planeten. Und Blackspace aus München, Spe­zialist für Kommunikation im Raum, macht womöglich Kommunikation im Weltraum. Agenturchef Michael Keller, dann 67, wird ein Auge darauf haben. "Aber einen Computer habe ich auch 2030 nicht." Ein Handy hat er, doch: "An die Übermacht der digitalen Medien glaube ich nicht."

„An die Übermacht der digitalen Medien glaube ich nicht. Die Menschen besinnen sich zurück aufs Analoge“

Michael Keller, Geschäftsführer Blackspace, München

Gegen-Trend: Die Lust auf Analoges wächst

Keller ist sich sicher: "Die Menschen besinnen sich zurück aufs Analoge." Tatsächlich ebbt die Digitalhysterie bereits ab. Eine aktuelle Deloitte-Studie besagt: Greifbares feiert ein Comeback. Die Lust auf Bücher steigt quer durch die Altersgruppen, Schallplatten erleben eine Renaissance. "KIs, Blockchain, Streamingdienste: Das alles hat seinen Platz", sagt Michael Keller. Aber das digitale Inventar steht künftig nicht mehr im Mittelpunkt, es wird zur Selbstverständlichkeit, zur Nebensache. "Was Zeitgenossen im Inneren berührt, was sie wirklich beschäftigt, ist die Begegnung mit anderen: sie real zu erleben, nicht bloß als ­bewegtes Bild auf einem Mo­nitor."

Agenturen im Jahr 2030 sind Treffpunkte. Sie versammeln Köpfe aus verschiedenen Genres an einem Tisch, bieten Raum für das Miteinander, für das Quer- und Weiterdenken, meint Keller: "Kreative sind Gestalter. Sie können dem Morgen eine Richtung geben, die das Übermorgen schöner macht."

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